| Die Verwandlung des Blutes 18 |
| (aus Fledermäuse , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank) |
| von Gustav Meyrink |
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Ausgeschlossen
ist
es
durchaus nicht,
wenn
man
sich
vorhält,
dass
der umgekehrte
Prozess
möglich
ist,
nämlich
Aufhebung
eines
Epilepsieanfalles
dadurch,
dass
man dem
Betreffenden
die
Daumen löst
und
seine
Zunge
wieder
in die
natürliche
Lage
zurückzwingt.
Schon
die Rajayoga Vorschriften
des
Patanjali
verraten,
dass
man
schon
in
sehr
alten
Zeiten
einem
Naturgesetz
auf
die
Spur
gekommen
war,
das
man etwa
so
ausdrücken
könnte:
Wirkungen
physiologischer Art
können,
äußerlich
nachgeahmt,
jene
Ursachen wiederhervorrufen,
aus der
sie
ursprünglich
hervorgingen;
man
kann
also
unter
Umständen
Wirkungen
und
Ursachen miteinander
vertauschen! Um
ein
Beispiel
anzuführen:
Langsames
tiefes Atemholen
bringt
Stetigkeit der
Gedanken
als
Folge hervor;
umgekehrt:
Gedankenstetigkeit
und
Konzentration der
Aufmerksamkeit hat
tiefes
Atmen
zur automatischen
Folge!
-
Dieses
Beispiel
allein ist
schon
ein
wertvoller
Schlüssel
zu praktischer
Magie.
Allerdings
wird
ein phantasieloser
Mensch ihn
nicht
ins
Schloss
stecken,
geschweige
denn ihn
darin umdrehen!
-
Die
gefundene
Erklärung,
jene
Fakirsekte
drehe lediglich
die
Daumen
nach
innen, um
Epilepsie
herbeizuführen,
befriedigte
mich eine
Weile,
dann
aber
stellte
ich mir
die Frage:
Warum
halten
sie
den
Daumennagel
gegen die
Handfläche?
Der
natürliche
Epileptiker
hält
den
Daumen
nur
in
die Faust
gekrampft!
Ein
kleiner Unterschied
also!
- Stigmen
erzeugen
auf primitive
Art,
fiel
mir plötzlich
ein. Ich
vermute,
ich bin
damals
auf
eine
richtige
Spur
gekommen!
Ob
sich
diese
Übung
wohl auf
die
Jesuslegende
bezog?
Sofort
schrieb
ich an
meinen
Freund
nach Mayavati,
wie alt
wohl
das
Daumen »mudra«
sein
könne
und
ob
sie
vielleicht
aus
der Zeit
um; Christi
Tod
herum
stamme.
Nach
einigen
Monaten
erhielt
ich die
Antwort:
»Ich
habe mich
genau
erkundigt;
sie
war
zu Zeiten
des
Buddha
Gotamo
schon
bekannt
und gehörte
damals
- also
einige
Jahrhunderte
vor Jesus
-
zum Repertoire
der Hathayogis!«
- Sind
es
demnach
die
Stigmen,
die jene
Sekte
anstrebt,
und
nicht
nur der
Zustand
epileptoider
Vorgänge?
Vielleicht
beides
zusammen.
-
Nicht
nur bei
der stigmatisierten
Therese
Neumann
in Konnersreuth,
sondern
bei
sehr
vielen
früheren
Stigmatisierten
wurde
festgestellt,
dass
sie
keine
Nahrung,
weder feste
noch flüssige
mehr
nötig
haben,
um am Leben
zu bleiben!
Eine
verblüffende Erscheinung,
die,
von
Medizinern
sehr verzwickt
»erklärt«
wird, jedenfalls
aber
eine
Erscheinung,
die von
Fastenkünstlern
nie
zuwege,
gebracht
wurde;
ihr
Weltrekord
ist:
68 Tage
Fasten, dabei
aber
tranken
sie
alle Wasser!
-Offenbar
müssen
also bei
den
Stigmatisierten
gewisse
seelische
Faktoren
die Hauptrolle
spielen
und jene »Verwandlung
des Blutes«
verursachen.
Dass
Wegfall
jeglicher
Ernährung des
Leibes
den
Hochgrad möglicher
physischer
Veränderung
als
Folge
seelischer
Vorgänge
darstellen
sollte,
ist
nicht
anzunehmen.
Bei
Daniel
Home,
dem
berühmten
schottischen
Medium,
wurde
von den
ersten englischen
Gelehrten
festgestellt,
dass, wenn
er
in Trance
war,
sich
die Höhe
seines
Körpers
um mehr
als
einen
Schuh
verringerte
oder
vermehrte!
Das
klingt
nur
wunderbar
für die
Mehrzahl der
Menschen, die
keine
Ahnung
hat,
was
Materie
oder
Stoff
im
Grunde
eigentlich
ist!
Stigmen,
Blutaustritt aus
den Augen
usw.
sind
natürlich
nur
Begleiterscheinungen
der
erwähnten
Fähigkeit,
ohne
Nahrung
leben zu
können,
und
nicht
deren
Ursache!
Das
Gesamtbild dieser
» Krankheit«
, davon
bin
ich
fest
überzeugt, hat
auch
nicht
das
Geringste
mit
dem
Drama auf
Golgatha
zu
tun!
Es wird bloß von der Kirche so gedeutet, weil es eine gewisse Ähnlichkeit damit hat! Zu dieser Ansicht bewegt mich eine Erfahrung, die ich machte, als ich noch Schüler des J... war. Wie ich bereits erzählt habe, traten bei meinen Mitschülern Stigmabeginne ein.
Nun
machte
aber
ein Freund
von mir, ein
Arzt
an der
Prager Irrenanstalt,
der
nicht
Schüler
des
J...
war, zu
gleicher
Zeit
Yogaübungen
nach Patanjali,
Gedankenkonzentrationen, die
mit
der Jesuslegende
nicht
das
geringste
zu tun hatten. Siehe
da:
auch
er
bekam
Stigmenbeginne!
-
Ist
da nicht
das
Richtige, anzunehmen: Stigmen
sind
die
äußeren
Zeichen, dass
eine Veränderung
des Körpers
eintritt,
wenn
die
betreffende
Station
auf
dem Wege
der
Entwicklung
erklommen
wird?
Eine
Station
ähnlich
der
Vision Mohammeds
von dem
weißen
Pferde?
-
Und handelt es
sich
wirklich
um
ein
Naturgesetz
physiologischer
Art
hier,
so
wäre mit
einem
Schlage
erklärt,
welchen
Sinn die
Daumenübung
der
gewissen
Fakirsekte
hat: Veränderung
des
Leibes!
Ich habe gesagt, dass es zweckloses Beginnen ist, in die Speichen des Schicksalsrades eingreifen zu wollen, indem man mit Eifer und Fleiß den äußern Beruf im Leben erfüllt. Den Schatten an der Wand mit Kalk bewerfen, habe ich es genannt. An Wert steht solche Berufsfreudigkeit nicht um einen Zoll höher als das Gegenteil: Vagabundentum! Es sei denn, es träte »von oben etwas hinzu«! - Wenn ein Hosenträgerfabrikant es fertig bringt, seinen Beruf einträglicher zu gestalten, indem er seine Geschäftsspesen verringert, was ist bestenfalls das Resultat? Er erwirbt sich ein Vermögen, sein Sohn wird es erhalten und der Enkel vertun, wie das die Regel ist. Was hat der Mann gewonnen? Spreu! - Das trifft aber nicht nur Leute aus der Hosenträgerbranche, es gilt für Alle! Wertunterschiede sind nur äußerer Schein. Aus der Höhe gesehen, ist Grasebene und Hochwald grüner Fleck. Tritt jedoch »von oben« etwas hinzu - beim Hosenträgerfabrikanten wie bei Alexander dem »Großen« - sofort ändert sich das Bild: Was vordem wertlos war, wird augenblicklich sinnreich und Weg zum Ziel. Das Durchschauenlernen, was der »Vermummte« will, indem er das Schicksal verhängt, das nenne ich jenes »von oben«! Wer dieses Hören- und Sehenlernen sich nicht zu eigen macht, der gleicht einem Kind, das in die Schule geht und nicht weiß, dass es aufpassen soll. Jeder Tag in solchem Falle ist vertan. Besser noch: Bewusst die Schule schwänzen und ein Vagabund werden!
Ende.

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