Die Verwandlung des Blutes 17
(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
von Gustav Meyrink
 

 

Als ich den Brief des Swami bekam, hatte ich gerade eine Meerschaumzigarrenspitze verloren; ich vermutete, sie sei mir vom Geschäftsdiener gestohlen worden. jedenfalls suchte ich sechs Wochen lang - wie der Mensch ja so oft die lächerliche Marotte hat, wertlose Sachen mit aller Gewalt wiederzubekommen vergeblich nach ihr. Der Kuriosität wegen befolgte ich das Rezept des Inders; an seine Wirkung glaubte ich nicht im geringsten. Neugier vor allem war's, die mich bewog, die Vorschrift sorgfältig zu befolgen. - Einige Tage vergingen, und ich hatte längst die Angelegenheit vergessen, da ging ich eines Mittags wie immer nach Hause. E pflegte dies gewöhnlich um ein Uhr zu geschehen; diesmal jedoch wurde es zwei Uhr, obschon kein Grund für mich vorlag, mich so zu verspäten.

Auch nahm ich meinen Weg nicht wie sonst ihn abkürzend durch einen öffentlichen Durchlass eines Hauses, sondern wählte trotzdem die Strecke länger war, eine sehr belebte große Straße. An die Meerschaumspitze dachte ich nicht im entferntesten. -Ich konnte nicht besonders schnell gehen, da ein starkes Menschengedränge herrschte. Ich schritt daher hinter zwei Männern her, die in eifrigem Gespräch miteinander begriffen waren. Ich hörte natürlich gar nicht hin, und überdies sprachen sie Tschechisch, so dass ich sie sowieso nicht hätte verstehen können. Plötzlich machte der eine von ihnen Halt; infolgedessen musste auch ich einen Moment stehen bleiben. Er zog einen Gegenstand aus der Tasche und hielt ihn dem andern hin. Es war ein schwarzes Lederetui, das mir merkwürdig bekannt vorkam. Er klappte es auf, und der andere schaute hinein.

Zu meinem maßlosen Erstaunen sah ich, dass es meine Zigarrenspitze war! Ich überlegte, was ich tun sollte. Währenddessen trennten sich die beiden. Ich ging dem einen nach in der falschen Annahme, er hätte das Etui an sich genommen. An einer leeren Straßenecke stellte ich ihn und sagte, ich hätte die Zigarrenspitze verloren, und da sie mir lieb sei, möchte ich sie gerne von ihm wiederkaufen. Ich versicherte dem Mann, der ziemlich ärmlich gekleidet war, es läge mir fern, sie umsonst zurückzuverlangen. Der Mann beteuerte mir, als ich ihm dabei ein Trinkgeld in die Hand drückte, ich müsse falsch gesehen haben: der andere hätte das Etui wieder in die Tasche gesteckt. Dennoch wollte er mir die Spitze rasch beschaffen, denn der andere hätte sie ihm zum Kauf angeboten. Nachmittags um vier Uhr werde er, da es sich noch um andere Sachen handle, da und dort (im Hofe eines Gasthauses) wieder zusammenkommen; ich solle mich doch ebenfalls einstellen. Pünktlich um die genannte Zeit kam ich natürlich.

Ein paar Minuten später kamen die beiden. Durch ein scheinbar harmloses Gespräch veranlasste der ärmlich gekleidete den andern, ihm die Zigarrenspitze nochmals zu zeigen.

Wie ein Habicht fuhr ich dazwischen, als der Mann die Spitze hervorzog. Ein kurzer Wortwechsel entspann sich, aber als der »Finder« merkte, dass ich mit Milde verfuhr und gar nicht daran dachte, mit ihm zur Polizei zu gehen, wie er gefürchtet haben mochte, wurde er ungemein freundlich, nahm das Geld, das ich ihm bot, schmunzelnd an und erklärte mir, er hätte es im Grandhotel, wo er Kellner sei, in einer Konzertloge gefunden und zwar vor sechs Wochen. Da sich ein Verlustträger nicht gemeldet hätte, habe er die Spitze geglaubt behalten zu dürfen. - Da ich gerne herausbekommen wollte, welche näheren Umstände den Mann denn bewogen hätten, gerade heute nachmittag um zwei durch die Obstgasse zu gehen, stellte ich allerlei diesbezügliche Fragen. Natürlich kam das dem Kellner merkwürdig vor oder verdächtig; jedenfalls wurde er sehr misstrauisch und schließlich ein wenig barsch. Worauf ich mich von ihm verabschiedete. - jedenfalls: Meine Spitze hatte ich auf diese höchst sonderbare Weise wiederbekommen. Soll ich es als Wirkung des tibetischen Diagramms auffassen? fragte ich mich. Möglich: es war ein Zufall! Ich beschloss, einen zweiten Versuch zu machen. Ich konnte seit längerer Zeit einen Spazierstock, der die Form eines Golfstockes hatte, nicht mehr finden und nahm an, ich hätte ihn irgendwo stehen lassen. Abermals zeichnete ich das erwähnte geometrische Zeichen und stellte mir in seiner Mitte den Golfstock vor. - Am nächsten Morgen lag der Stock quer über einem Sessel in dem Vorzimmer meiner Wohnung. Das Dienstmädchen schwor, sie hätte ihn bestimmt nicht dorthin gelegt. Auch sonst konnte mir niemand darüber Aufschluss geben. Wochenlang hatte der Stock natürlich unmöglich an dieser täglich benützten Stelle liegen können!

Diesmal konnte kaum ein Zufall mitgespielt haben! Ich nahm mir vor, einen dritten Versuch zu machen, und wartete auf eine Gelegenheit, die ein Gelingen so gut wie sicher ausschließen müsste. Sie bot sich bald. - Ich wohnte damals dicht an der Moldau in einem Haus, das an eine Mühle angebaut war. Die Mauer nach Osten wurde von einem reißenden Arm des Flusses umspült, der dort aus der Mühle hervorschoss. Beim Abschneiden eines Blumenstock-Astes fiel mir eines Tages die Schere - ein uraltes kurios geformtes Erbstück noch von meinem Großvater herstammend - aus dem offenen Fenster ins Wasser hinab. -Diesmal wird der tibetische Zauber selbstverständlich versagen, glaubte ich, machte aber für alle Fälle das Experiment nochmals.

Das Unglaubliche, schier Unmögliche geschah! Es erschütterte mich buchstäblich: Die Schere lag eines Morgens wieder auf meinem Schreibtisch! Ich glaubte im ersten Augenblick, ich sei verrückt geworden. Dann sagte ich mir: Wahrscheinlich trügt dich dein Gedächt-nis und du hast damals eine ganz andere Schere aus dem Fenster fallen lassen. Ich lief sofort in die Küche und fragte das Dienstmädchen: Haben Sie diese Schere hier auf meinen Schreibtisch gelegt. - »Jawohl, gnädiger Herr!« -Wann? -Gestern abend, als Sie nicht zuhause waren, gnädiger Herr!« - Wo haben Sie sie denn gefunden? - »Der Müllerbursch Johann hat sie gebracht und hat gemeint, wir hätten sie vielleicht ins Wasser fallen lassen.« - Aber wie konnte der Mensch sie denn aus dem tiefen Bach wieder herausholen? Hat er vielleicht dort gefischt, und warum? - »Nein, der Bach ist doch seit gestern abgelassen und trocken; die Müller haben das Wehr heruntergelassen, weil was am Rad kaputt ist«, erklärte mir das Mädchen. »Wahrscheinlich hat der Jan dabei die Schere gefunden; ich kann ihn ja fragen.« - Ich blickte aus dem Fenster: Das Bett des Stromarmes war wasserleer. Scherben und Konservenbüchsen lagen dort herum!

Zufall sollte alles das sein! Unmöglich! Ausgeschlossen. Ich war derart aufgeregt, dass ich noch am selben Tag allen meinen Freunden erzählte, was geschehen war. Sie lachten mir fast ins Gesicht. Waren natürlich der festen Meinung, ich flunkere. Meine Beteuerungen halfen nichts: Lieber glauben die Menschen, man lüge, als dass sie verblüffende Vorkommnisse gelten ließen; die Schlussfolgerungen, die sie daraus zielen müssten, sind ihnen unbequem!

Bis heute habe ich keine rechte Erklärung, was bei dem Erlebnis für Umstände mitgespielt haben mögen. In der Sache Zigarrenspitze« ließen sich allenfalls noch Deutungen finden: Telepathische Schwingungen konnten verursacht haben, dass jener Kellner und ich in derselben Minute zusammentraf en im Menschengewühl; merkwürdig genug, aber doch immerhin möglich! - Bei der Schere erscheint dergleichen jedoch ausgeschlossen! Man kann doch wahrlich kaum annehmen, dass ich durch unbewusst ausgeübte Magie ein Mühlrad zerbrochen hätte! (Und wäre das Rad nicht zerbrochen, niemals hätten die Müller den Flussarm trocken gelegt!) – Als ich Jahre später das Erlebnis meinem Freund Lall erzählte, sagte er: Gewisse Elementarwesen hätten alles bewirkt. Tibetanische Diagramme, wie das mir gegebene, zwängen sie zu gehorchen. - Aberglauben selbstverständlich! wird der aufgeklärte Europäer sagen. Meinetwegen:

Aberglauben, aber wieso kann er derartige erstaunliche Wirkungen hervorbringen? -Warum später die Methode versagt hätte (ich machte selbstverständlich noch viele derartige Versuche, aber nie mehr sind sie geglückt!), erklärte mir Lall damit, dass ich den Erfolg der Versuche niemand hätte mitteilen dürfen, insbesonders hämischen Skeptikern nicht. Dadurch sei den Elementarwesen die Freiheit wiedergegeben worden und das Diagramm keine Zauberformel mehr. - Nebenbei: Die Schere nahm dasselbe tragische Ende wie das früher erwähnte Automobil - sie verbrannte. Das heißt: Sie geriet eines Tages in den Herdofen und wurde durch die Glut unbrauchbar. Die »Elementals« halten also vermutlich streng darauf, ihre Wut an den Gegenständen auszulassen, mit denen sie einmal zu tun hatten.

Zurück nun zu dem Fakir Nr. 2, von dem ich erwähnte, er hinge mit dem Kopf nach abwärts an einem Baum, eine Abbildung, die ich einst in dem Buche Campbell Omans gesehen hatte. Der auf einem Bein stehende Fakir war in Schmidts Buch über Fakirtum abkonterfeit gewesen und hatte mir bekanntlich zu der Balanceübung verholfen. Die Nachahmung des Kopfabwärtshängenden ließ sich nicht leicht bewerkstelligen, auch glaube ich nicht, dass sie irgendwelche wichtige Folgen gezeitigt hätte, war sie doch sinnfälliger exoterischer Unsinn. Eine Erklärung, was sie im Grunde besagen will, kann ich nur vermuten. Ich meine so, gestützt auf Winke in indischen Schriften: Im Lauf der Entwicklung durch den Yoga wird der Mensch allmählich anders polarisch als ein gewöhnlicher. Vielleicht ist der Ausdruck »polarisch« unzutreffend, aber wie kann ich ein Wort für einen Vorgang finden, von dem ich so gut wie nichts weiß! - Ob die Inder der Vorzeit etwas Genaueres über das Gravitationsgesetz wussten er ob Newton wirklich der erste Mensch war, der es herausgefunden hat, lässt sich heute nicht einmal ahnen.

Jedenfalls dürfte man annehmen, dass die alten Asiaten - die Chinesen noch am ehesten - sich Gedanken gemacht haben, warum "alle Dinge an die Erde gebunden sind, und nur Vögel und Insekten fliegen können. Weg von der Erde und frei werden! Das war sicherlich ihr Wunsch, zumindest der der Asketen und Yogis! Wenn dann zudem bei ihnen einmal ein Fall vorgekommen ist wie etwa der des katholischen Mönchs von San Nito, von dem berichtet wird, er sei in der Verzückung während seiner Gebete vor tausenden Zuschauern bis hinauf zum Kirchendom geschwebt (hunderte ähnliche Fälle werden berichtet!) so unterliegt es wohl keinem Zweifel, dass primitive Forscher nachgegrübelt haben, wie ein solcher Vorgang sich ohne Eingreifen eines Dämons oder Gottes erklären ließe.

Besonders bei den alten Ägyptern dürfte das der Fall gewesen sein, da die Kaste der Priester bei ihnen ja zugleich Hüter der Wissenschaft war. Sehr nahe liegt der Gedanke, dass einer oder der andere von ihnen auf die Idee verfiel, zu versuchen, ob ein Hängen mit dem Kopfe nach abwärts nicht irgendwelche Resultate in Hinblick auf das freie Schweben erzielen ,könnte. Vielleicht haben dann solche Experimente den Glauben im Volke erweckt, sie seien der eigentliche Schlüssel, die gewünschten Phänomene zu beherrschen. Ich glaube, dass, wenn tatsächlich das lange Hängen mit dem Kopfe nach abwärts mit Erfolg gekrönt sein sollte, die rein mechanische Ausübung es natürlich nie zuwege bringt, außer sie wäre mit geistigen Vorstellungen begleitet, wie ich es ähnlich beim graden Aufrechtstehen und Balancehalten beobachtet habe.

Möglich auch, dass das Abwärtshängen gewisser Fakire  physiologische Veränderungen bezweckt – Folgen des Blutandranges nach dem Kopf.

Gewisse andere Fakirübungen zielen nämlich auch auf Blutzustrom zum Gehirn ab, wie zum Beispiel langsames Einatmen und möglichst heftiges Ausatmen. Dass alle solche und ähnliche Methoden heftiger Art nur den Zweck haben, Trance herbeizuführen - Autohypnose und so weiter - kann man wohl als erwiesen ansehen. Schritte in der entgegengesetzten Richtung also, die ein Mensch, der vorwärts schreiten will auf dem Pfade der Entwicklung, machen sollte! Mit kurzen Worten wiederholt und zusammengefasst: Die Entwicklung und der Aufstieg für den Menschen liegt in immer größerer Erweiterung seines Bewusstseins und nicht in der Unterbrechung oder Verschiebung oder gar Verminderung! Obgleich es den Anschein haben mag, als sei Yoga und alles, was in dieses Gebiet schlägt, eine Art Treibhausvorgang, so bedeutet doch meines Erachtens eine solche Beschleunigung keinesfalls etwas Widernatürliches, sondern vielmehr das wichtigste, was man auf Erden, solange man hier lebt, anstreben kann. »Die einzige Tat, die des Vollbringens wert ist«, so sagen indische Schriften.

Zum dritten Fakir: Er hält ein Menschenalter lang den Daumen gegen die innere Handfläche, bis der Nagel durch sie hindurchwächst. Warum wohl? Was hat der, der die Übung als erster machte, sich dabei gedacht? Aufs Geratewohl hat er wohl auf keinen Fall gehandelt! Folgende Vermutung drängt sich mir auf: In früheren Zeiten und heute noch bei Wilden und sogar bei Moslim gilt der Geistesgestörte als heilig. Hystero Epilepsie erweckt den Anschein, als sei der davon Befallene ein Wahnsinniger. Mohammed war bekanntlich von Natur aus Epileptiker! Ein Epileptiker, wenn er von dem Krampf ergriffen wird, dreht den Daumen nach innen, aber nicht nur das: Er biegt auch die Zunge nach rückwärts in den Schlund! Als ich das einmal beobachtete, stieg mir sofort die Frage auf: Ob wohl Fakire, wie die zuletzt erwähnten, wohl auch ihre Zunge verschlucken?

Ich forschte nach, so gut ich konnte. Meine Vermutung wurde alsbald von meinem Bekannten, dem Swami in Myavati, bestätigt. Er schrieb mir: »Ich kenne diese Fakirsekte von Amritsar her genau; sie machen beständig das Kechari Mudra (Zungenverschlucken)!« Ich hatte also recht: Sie ahmten die äußeren Begleiterscheinungen der Epilepsie nach! Ob es ihnen dadurch allein genügt, epileptisch zu werden, kann ich nicht beurteilen.