Die Verwandlung des Blutes 13
(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
von Gustav Meyrink
 

Die Agamas lehren, es gäbe 7 Wahrnehmungs- und magische Wirkungszentren im menschlichen Organismus. Ein besonders dickfelliges materialistisch gesinntes indisches Rindvieh, der »Reformator« Dayananda wollte das nicht ohne weiteres glauben und beschloss, sich von der Wahrheit oder Unwahrheit zu überzeugen, weshalb er einen Leichnam mit einem Fleischermesser aufschnitt. Siehe da: er fand nichts. Wer lacht da? - Obs bei uns wohl auch solche Strohschädel gibt?

Die erwähnten Zentren - Chakrams oder Lotusse genannt sollen im Rückenmark liegen; das unterste im Sakralplexus (!), das oberste oberhalb (!!) des Scheitels. (Auch dieses hat der gottselige Dhayananda nicht gefunden; wahrscheinlich hat er vergessen, die Luft oberhalb des Leichnams aufzuschneiden). Seine Ehrwürden, der Reverend Leadbeater, ein höchst verdächtiger Herr und jetziges Oberhaupt der Theosophischen Gesellschaft, hat die Lehre der Agamas, die bis dahin in Europa kaum bekannt gewesen sein dürfte, nach Europa gebracht. Da er die Quelle nicht nannte, nahmen die arglosen jünger sie als Eigenbau Leadbeaters hin und ihr Glaube an ihn als Adepten war neuerdings besiegelt. Dr. Rudolf Steiner, der Begründer der anthroposophischen Bewegung, brachte sie nach Deutschland. Ob er die Quelle kannte, weiß ich nicht.

Der Shabhava benützt die Lehre der Agamabücher lediglich, um aus dem Körper auszutreten. Er bringt es zuwege, indem er sich zuerst auf den untersten »Nerven« (?) plexus in Gedanken konzentriert, dann, wenn er gewisse Gesichte gehabt hat, die ihm beweisen, dass der erste Prozess vollendet ist, steigt er zum nächsten Chakram empor und so fort, bis die Scheitelgegend durchbrochen wird und er ins Freie gelangt. Bringt er das letzte Experiment fertig, so verfällt als äußeres Zeichen der Körper in Leichenstarre. Die Vermutung drängt sich einem, wenn man dies liest, auf, es handle sich dabei lediglich um eine komplizierte, wenn auch wahrscheinlich sehr sinnreiche Methode, eine Autosuggestion einzuleiten und durchzuführen. Die Hathayogis, die auf dem Pradipika fußen und nicht auf den Agamabüchern, kennen diesen Prozess ebenfalls; sie nennen ihn »das Emporziehen der Kundalini« (Schlangenkraft). Durch ein äußerliches Auffassen dieses Wortes sind wahrscheinlich die Schlangenbeschwörer Asiens und Ägyptens auf den Einfall gekommen, Vipern abzurichten zum Zwecke der öffentlichen Schaustellung. - Der Buddha Gotamo sagt an einer Stelle: .Ich ziehe aus meinem Leibe einen feinern Körper heraus, so wie ein Kind den saftigen Halm aus dem Äußern und Gröbern herauszieht«. Also auch er hat offensichtlich den Prozess gekannt und geübt!!

Die Shabhavas behaupten, je nachdem man sich auf dies oder Jenes Chakram konzentriere, habe man diese oder jene Vision. Eines der ersten Gesichte bestünde darin, dass man glaube, auf einem weißen Pferde ins Paradies emporzureiten. Da Mohammed bekanntlich dasselbe Erlebnis hatte, könnte man wohl annehmen, dass das betreffende Chakram bei ihm vielleicht durch Läsion des Rückenmarkstranges, durch einen Sturz oder ähnliches, möglicherweise durch Epilepsie, an der er litt -»lebendig« wurde. Zum Propheten hätte sich ein Shabhava schwerlich aufgeschwungen, wenn ihm dergleichen passiert wäre. Freilich: Mohammed war kein in die Agamas Eingeweihter, sondern nur ein - Theist.

Dass durch rein äußerliche Verletzungen der Wirbelsäule sich Visionen einstellen sollten, klingt wenig wahrscheinlich und treibt, oberflächlich gesehen, Wasser auf die Mühle derer, die einer mechanistischen Weltanschauung zuneigen. Immerhin scheint es bisweilen der Fall zu sein.

Ein Freund von mir, ein eifriger Sportsmann und Materialist bis zur Lächerlichkeit, bekam eines Tages bei einem Fußballspiel in Birmingham einen heftigen Tritt ins Kreuz, so dass er monatelang heftige Schmerzen empfand. Es stellten sich sodann bei ihm, wie er mir erzählte - und er war ein überaus wahrheitsliebender Mensch - alsbald sonderbare Halluzinationen ein; er sah, besonders in der Nacht, wenn er durch menschenleere Straßen ging, weiße weibliche vermummte Gestalten, die so deutlich waren, dass er oft zweifelte, ob es nicht Masken seien, die ihm in den Weg träten. Er drängte sich zumeist mit ausgebreiteten Armen in die Mauern der Häuser hinein. Als ich ihn fragte, was er sich denn bei solchen Erscheinungen eigentlich gedacht hätte, gab er mir die für ihn recht bezeichnende Antwort: »Nichts!« - Ich vermute, dass nicht die körperliche Verletzung, die mein Freund erlitten hatte, die Visionen hervorrief, sondern ein gedanklicher Prozess: Wer Schmerzen an ein und derselben Stelle des Leibes empfindet, der denkt doch willkürlich an diese Stelle hin; er macht also gewissermaßen dieselbe Gedankenkonzentration durch, die ein Shabhava bewusst und zielsicher durchführt.

Die in letzter Zeit allgemein bekannt gewordene Stigmatisierte Therese Neumann in Konnersreuth hatte sich durch Tragen schwerer Lasten eine Rückenwirbelverkrümmung zugezogen, an der sie lange litt, vielleicht heute noch leidet - ich weiß es nicht. Eines Tages begann bei ihr der rätselhafte Vorgang der Kreuzigung, alle Freitage sich wiederholend, wobei Blutaustritt aus den Augen und den Wundmalen in den Händen stattfand. Überdies nimmt sie seit langer Zeit, angeblich seit einem Jahr, keinerlei Nahrung zu sich. Dergleichen berichtet man von den katholischen Heiligen. Es ist ja möglich, dass man eines Tages die Neumann »entlarvt«, ob mit Recht oder nicht, ist gleichgültig - sehr oft entlarvt »man«, wenn einem etwas nicht in den Kram passt -, aber die Hunderte von beglaubigten Fällen auf demselben Gebiet macht man dadurch nicht ungeschehen. Fromme werden den Fall »Therese Neumann« a ls ein Wunder deuten oder gar als Beweis, dass Jesus von Nazareth wirklich gekreuzigt worden sei. Ein Anhänger des Yoga würde sagen: Symptom des Lebendigwerdens dieses oder jenes Chakrams! Er würde wahrscheinlich sogar sagen – ich wenigstens würde es sagen, obwohl ich kein Shabhava bin - : Die innerste Bedeutung der biblischen Historie von der Kreuzigung, gleichgültig, ob sie stattgefunden hat oder nicht, ist ähnlich wie die des Rittes Mohammeds auf dem Schimmel Berrak ins Paradies. (Bitte, man werfe mir getrost Ruchlosigkeit vor. Dennoch: Es ist keineswegs Ruchlosigkeit, wenn ich so unumwunden meine Meinung sage.)

Bei den ausgiebigen Studien an Hand von allerlei Büchern, wie ich es früher besonders eifrig betrieb, kam mir eines Tages auch ein Werk unter, das den Titel trug: »Schlüssel zur Geisteswelt«, verfasst von einem Manne Mitte des verflossenen Jahrhunderts namens Kerning. Den Forschern in der Geschichte der Mystik sind die Werke dieses Menschen, der mit seinem bürgerlichen Namen Krebs hieß, Tenor und Freimaurer war, gänzlich unbekannt, trotzdem er ein Mensch war, von dem die Nachwelt eines Tages im höchsten Grade Notiz nehmen wird. Die Bücher Kernings sind mit Absicht so geschrieben, daß der Laie vermuten muss, ein Schwachkopf oder ein Kind sei der Verfasser gewesen. Was Kerning lehrt oder besser gesagt: andeutet, gemahnt derart an die Lehre von den Chakrams, daß man überzeugt sein könnte, er hätte die Agamas studiert. Damaliger Zeit war dies jedoch vollkommen unmöglich, da niemand in den Ländern des Westens die Agamas auch nur dem Namen nach kannte.

Überdies gibt Kerning selber die Quelle, aus der er geschöpft hat, an: das Ritual der Freimaurer! So, wie in der Lehre von den Chakrams und ihrer Erweckung gewisse Buchstaben eine große geheimnisvolle Rolle spielen, so auch im Ritual der Freimaurer. Gedeutet hat sie meines Wissens nach niemand, zumindest nicht einwandfrei. Kerning behauptet nun herausgefunden zu haben, wie man sich ihrer zu bedienen hätte, um die »Verwandlung des Blutes«, wie ich es nenne, herbeizuführen: man müsse sie in sich hineinmurmeln gleich einer Litanei!

Er schreibt also einen ähnlichen Weg vor, wie einst mein verstorbener Führer J ... ! Merkwürdig! J... konnte weder lesen noch schreiben, wusste bei Beginn seiner Entwicklung nichts von Kerning und geriet trotzdem »von selber« auf beinahe das gleiche System! Die landläufige Erklärung für solche Vorkommnisse, dass sich Wissen nur von Mund zu Ohr oder durch Lesen von Überlieferungen übertragen lasse, ist hier sonnenklar widerlegt. Ein Wissen, dessen Erhaltung für die Menschheit und ihren Fortschritt wichtig ist, lässt sich vielleicht verhüllen für tausend Jahre, aber vertilgen kann man es nicht! Irgend »wo« und irgendwie bleibt es keimhaft aufbewahrt und treibt Blüten von neuem, wenn die Zeit gekommen ist. Militaristische Narren und Fanatiker wie der Kalif Omar, der die Bibliothek zu Alexandria in Brand setzte und vernichtete mit der Begründung: Steht in den Büchern dasselbe wie im Koran, dann ist es überflüssig; steht anderes darin, dann ist es schädlich -, mögen in der Zukunft ruhig weiter wüten gegen Schatten an der Wand? Sie setzen sich nur selber ein Schandmal; das Licht lässt sich nicht ausrotten; es lebt weiter im Blute der Menschen.

Kerning hat unter seinen vielen Schriften auch eine verfasst, »Testament« genannt. Ich habe es vor vielen Jahren herausgegeben unter dem Pseudonym Arch Censor Kama (mein Logennamen, als ich damals einem asiatischen, sehr interessanten, leider jedoch ebenso sterilen okkulten Geheimorden beitrat).