Die Verwandlung des Blutes 11
(aus Fledermäuse  , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank)
von Gustav Meyrink
 

Der Versuch war gegeben:

Ich legte mich zu Bett und nahm mir fest vor, meinem Freunde Artur von Rimay, mit dem ich damals viel verkehrte, und der gleich mir eifrigst bestrebt war, metaphysischen Problemen auf die Spur zu kommen, wenn ich eingeschlafen sein würde, fernwirkend in seiner Wohnung ein Zeichen zu geben, indem ich Schläge mit einem Stock auf einem Tisch in seiner Nähe vollführte. - Zu diesem Zweck und um die Autosuggestion, die ich mir gab, besser imaginieren zu können, nahm ich einen Spazierstock mit ins Bett, ihn fest in der Hand haltend, während ich mich bemühte, einzuschlafen. Es ist außerordentlich schwer, auf Kommando einzuschlafen, wenn man es nicht sehr lang geübt hat; immer wieder wandern die Gedanken und verdrängen das Vorhaben, das man sich gesteckt hat. Ich glaube, mit den Stymphaliden-Vögeln in der Heraklessage sind symbolisch die Gedanken gemeint; man kann sie nur mit eisernem Pfeil erlegen! - Wider Erwarten gelang es mir durch einen Zufall und unterstützt durch Gehorchen des Herzschlags, wie mit einem Ruck einzuschlafen. Es war ein kurzer tiefer, völlig traumloser Schlaf, der fast einer Ohnmacht glich. Ich erwachte nach wenigen Minuten mit dem Gefühl, mein Herz stünde still. Gleichzeitig eine sonderbare innere Gewissheit: das Experiment ist gelungen. - Ich konnte den Tag kaum erwarten, so neugierig war ich. Gegen zehn Uhr vormittags besuchte mich mein Freund wie gewöhnlich. Ich wartete, ob er mir nichts berichten würde. Vergebens; er sprach von allem möglichen, nur nicht von nächtlichen Erlebnissen irgendwel-cher Art. - Nach einiger Weile fragte ich schüchtern: hast du denn heute nachts nichts geträumt, oder so ... ? - »Das warst du?« unterbrach mich der Freund sofort.

Ich ließ ihn erzählen, ohne ihn mit einem Wort zu unterbrechen. Er berichtete: »Heute Nacht, kurz vor ein Uhr (die Zeit stimmte auf die Minute!! mit meinem Experiment) erwachte ich plötzlich, aufgeschreckt durch ein lautes Geräusch im Nebenzimmer - so als schlüge jemand mit einem Dreschflegel in rhythmischen Intervallen auf den Tisch. Als der Lärm immer stärker wurde, sprang ich aus dem Bett und eilte hinaus. Deutlich, von dem großen Tisch her, der in der Mitte des Zimmers stand, tönten die Schläge. Zu sehen war nichts! Wenige Minuten später kamen auch meine Mutter und die alte Haushälterin im Hemde hereingestürzt voller Entsetzen. Nach einer Weile wurde das Geräusch schwächer und schwächer und verstummte endlich ganz. Kopfschüttelnd legten wir uns wieder schlafen.« - Soweit der Bericht meines Freundes Artur von Rimay. (Er lebt jetzt in Wien und kann jederzeit bestätigen, dass das, was ich hier schreibe, auf voller Wahrheit beruht!) -»Warum hast du mir alles das nicht gleich gesagt?« fragte ich, »es ist doch wirklich seltsam genug!« - »Ich kann es mir selber jetzt nur so erklären«, war die zögernde Antwort, »dass der starke Eindruck, den das Erlebnis in mir erweckt hat, während des darauffolgenden Schlafes sonderbar abgeflaut ist; - ich möchte fast sagen, ich hätte es nur geträumt, so in die Ferne gerückt sehe ich es jetzt vor mir, wenn ich nicht soeben vor ein paar Stunden noch mit meiner Mutter darüber gesprochen hätte. Sag, hast du wirklich durch fernwirkende Willensanstrengung den Spuk zuwege gebracht?« -Zum Beweis hielt ich ihm einen Zettel hin, auf den ich mit Bleistift in Schlagworten noch in der Nacht alles aufgeschrieben hatte, was ich unternommen.So seltsam das Vorkommnis an sich war, bedeutsamer noch erschien mir der Begleitumstand, dass es so befremdlich anders im Gedächtnis haften geblieben war als etwa ein interessantes natürliches, ja selbst alltägliches Begebnis.

N
ormaler wäre doch, dass etwas so Außergewöhnliches sich im Gegenteil noch schärfer in die Erinnerung einbrennen müsste! Hätte eine mechanische Membrane die Geräusche des Auf den Tisch Schlagens aufgezeichnet? Die Meisten werden es verneinen; ich glaube, es wäre der Fall gewesen. Ähnliche Beobachtungen viel später - Jahre darauf -, als ich Zeuge sogenannter Spukphänomene in Levico in Südtirol war, bestätigen mir, dass tatsächlich objektive und nicht etwa rein subjektive Vorgänge bei dergleichen Geschehnissen stattfinden und es sich keineswegs um sonderbare Sinnestäuschungen handelt. Was ich in Levico erlebte - ich werde es vielleicht an anderer Stelle schildern - war krass bis zum Phantastischen und dennoch muss ich es mir immer wieder neu vor Augen rücken, wenn ich nicht will, dass es sich in meinem Gedächtnis spurlos auflöst. Ich möchte sagen:

Es ist, als hätte ich es vor einem Jahrhundert erlebt und nicht in diesem Dasein. »Eben, weil es nicht wirklich stattgefunden hat« - so wird der oberflächliche Zweifler einwenden. Nein: es hat stattgefunden! Nicht nur viele Zeugen leben heute noch, und zum Überfluss wurden Tags darauf Niederschriften angelegt. Was aber jeden Zweifel beseitigt: Physikalische            Veränderungen an Gegenständen habestattgefunden, wie zum Beispiel der Niedersturz einer Zimmermauer unter explosionsartigen Begleiterscheinungen. Die Mauer musste dann wieder aufgerichtet werden! Die quittierte Rechnung darüber befindet sich in den Händen eines der Augenzeugen! (Noch deutlicherer Beweise bedarf es selbst für einen Professor der Naturwissenschaften wohl kaum!) - Trotz alledem: Eine subtile Ähnlichkeit mit dem, was wir Menschen eine Halluzination nennen, spielt in beiden Fällen fraglos mit herein. Ich kann dafür nur die Erklärung finden: alles, was wir Wesen wahrnehmen durch die Sinne, ist Halluzination, wie es ja auch die Philosophie der indischen Upanishaden behauptet -, alles, alles, die äußere Welt und - die Träume, Fieberphantome, Visionen und dergleichen! Der Umstand, dass die Gegenstände bleiben, auch wenn der Wahrnehmende stirbt oder einschläft, kann nicht als Gegenbeweis angeführt werden. Wer imstande ist, folgerichtig zu denken, wird es leicht herausfinden können. Sogenanntes Objektives und sogenanntes Subjektives schwimmt durcheinander in so feinen Abstufungen, dass es immer den Eindruck machen wird: das eine ist »wirklich« und das andere, nicht. Sind die Unterschiede gering, so staunt man und lässt sich irre machen. Mein zweites Erlebnis, Fernwirken betreffend, spielte sich folgendermaßen ab:

Ziemlich in den ersten Stadien meiner früher erwähnten Rückenmarkserkrankung befand ich mich gegen Mittag im Eisenbahnzug zwischen Dresden und Pirna. Plötzlich fiel mir zu meinem Schrecken ein, dass ich meiner jetzigen Frau, meiner damaligen Verlobten, in einem bereits zur Post gegebenen Brief etwas für unser beider Schicksal ungemein Wichtiges zu schreiben vergessen hatte. Was es betraf, kann ich nicht hier niederlegen, weil es eine Privatangelegenheit betrifft. Kurz gesagt: Es war etwas Einschneidendes für uns. Ein Telegramm aufzugeben war aus verschiedenen Gründen ausgeschlossen. Was also tun? Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn. Unmöglich, irgend eine Rettung aus der Situation zu finden.

Da fiel mir mein ehemaliges Experiment mit meinem Freund Artur von Rimay ein. Was damals geglückt war, konnte doch ein zweites Mal gelingen. Nein: es musste ganz einfach gelingen, denn alles stand für uns auf dem Spiel. Ich nahm mir vor: Du musst »ihr« erscheinen, musst sie mit aufgehobener Hand warnen, musst ihr den Gedanken einflößen, worum es sich handelt, und was sie tun soll. Ich formte den Befehl in klare Worte, die ich mir in Schriftzeichen gemalt vorstellte. Und dann: rasch einschlafen und hingehen nach Prag im Geiste und ihr in einem Spiegel erscheinen. (Ich nahm irrtümlicherweise an, ein Spiegel hinge in dem Zimmer, in dem ich sie zur Zeit vermutete!) Die Aufgabe, die ich mir gestellt hatte, war so kompliziert, dass ich es für ausgeschlossen hielt, sie könne gelingen. Der viel gerühmte angeblich so wichtige Glaube war also nichts weniger als vorhanden!! - Und dann: Wie sollte es mir möglich werden, auf Kommando einzuschlafen mitten unter laut schwätzenden Passagieren? Ich fühlte, dass meine Angst und meine Verzweiflung immer stärker wurden - spürte es am stürmischen Klopfen meines Herzens.