| Die Verwandlung des Blutes 10 |
||
(aus Fledermäuse , Erzählungen, Fragmente und Aufsätze, Herausgegben von Eduard Frank) |
||
von Gustav Meyrink |
||
![]() |
|
Wer sich dafür interessiert, der lese die deutsche vorzügliche Übersetzung von Professor Schmid: Fakire in Indien. Das Hatha Yoga System wird von sogenannten Wissenden in Indien geradezu verabscheut, denn es lehrt: Herr über den Körper zu werden, und eben das gilt bei den Indern als verächtlich und dumm, denn ihr um und auf ist die Weltflucht und damit verbunden das Weggehen von allem grobsinnlichen. Lehrte doch schon der altehrwürdige Sankaracharya, der Gründer der Advaita Philosophie und Schöpfer des erhabensten Monismus: »Der Mensch gleicht Einem, der auf einem Krokodil durchs Wasser reitet, wähnend es sei ein Stück Holz. Jeden Augenblick kann ihn das Tier hinab in die Tiefe ziehen. Darum verlasse der Mensch das Krokodil (den Körper und alles, was mit ihm zusammenhängt).« - Im Gegensatz zum Hatha Yoga gibt Pataniali in seinem Rajahyoga die Anweisungen, wie man durch Gedankenbeherrschung Herr über sich selbst zu werden vermag. -Ich habe, soweit dies einem Menschen der Jetztzeit möglich ist, der gezwungen wird durch das Schicksal, in der Welt zu leben, beide Systeme praktisch erprobt, und bin zu der Überzeugung gekommen: beide Methoden ergänzen einander, jedoch nur, wenn man sie nicht wörtlich befolgt, sondern den hinter den Worten versteckten Sinn erfasst. Auch hier gilt der Satz der Kabbala (jüdische Geheimlehre) über die Bibel: Verdammt ist, wer die Schrift wörtlich nimmt.
Dass
die
indischen
Fakire
den
Hatha
Yoga
Pradipika
wörtlich
befolgen
-
in den meisten
Fällen wenigstens -
und nur
in die
Irre geführt
werden
(oder
in Mediumismus besten-
oder
schlimmstenfalles), geht
deutlich
aus
folgendem
hervor: Oberst
Olcott,
der
Mitbegründer
der
theosophischen
Gesellschaft
besuchte
einst
zu Studienzwecken
die
berühmte
Ruinenstadt
Karli,
ein uralter
Sammelpunkt
der indischen
Fakire
und
Hathayogis,
da
trat
ein uralter
Asket
vor ihn,
warf
sich
ihm
zu Füßen
und
bat
flehentlich,
Olcott
möge ihn
mit
einem
Wissenden
zusammenbringen,
denn ein
Leben
lang
habe
er
vergeblich
nach einem
solchen gesucht!
Man denke:
Ein
Fakir
von
Jugend
auf,
bittet
einen
Europäer
um Rat
auf einem
Gebiet, das
Indiens ureigenstes
Kleinod
sein
soll!
Was
folgt
daraus?
Bücher
und mündliche
Überlieferung
gibt es wohl
in Asien,
aber
zu lesen,
nämlich
zu
begreifen,
das
vermögen
nur die
Wenigsten.
Ich habe
bereits
erwähnt,
dass mein
Eintritt
in
die
geistige
Schule
des
J ...
nicht
nur
mein
Inneres
angriff,
sondern
auch
mein
äußeres Schicksal
verwandelte.
Freilich
muss
ich
den Beweis
schuldig
bleiben,
es
sei nicht
genau so verlaufen, wenn ich die
Übungen des J ...
nicht
gemacht
hätte.
Ein solcher
Beweis
lässt
sich
überhaupt
nicht
erbringen!
-Meine
Meinung,
dass
Yoga,
ernsthaft
und feurig
betrieben,
das
äußere
Schicksal
des Menschen
zum
Galoppieren
bringt,
steht
übrigens
durchaus
nicht
vereinzelt
da; die
Inder
sagen: wer
das
Gavatri
(Hymne
auf
die
»Sonne«)
übt
allmorgendlich
und
ist
unrein
und
kennt
nicht
genau
den
Ritus
des
Rigveda, der
wird
zerfetzt.
Viele Beispiele
aus der
Geschichte
werden
da
angeführt.
-
Bei
mir
war's
ähnlich.
Tückische
»Zufälle«,
als
sei
eine
Rotte
von
Teufeln
gegen
mich
losgelassen,
ließen
mich
durchs Leben
Spießrutenlaufen,
dass ich
bisweilen
glaubte,
in die
letzte
Verzweiflung
fallen zu
müssen. Die erwähnte Rückenmarkserkrankung war noch eine der kleinsten Ohrfeigen. So wie sie schließlich fast ganz verschwunden ist, so stellte sich auch das Übrige als Bluff des Schicksals heraus. Sinnlos gewesen also? Oh nein! Sinnlos wäre alles gewesen, hätte ich nicht immer und immer wieder die Frage im Herzen gehabt: wozu? - Ein sogenannter Kluger würde natürlich wieder sagen: »Hättest du gelebt wie ein Spießer, schön sittsam und bürgerlich und nicht als verrückter Yogi und nebenbei sei doch offen - als Windhund oder Kuckuck, so wärst du gesund geblieben, hättest einen Achtung gebietenden Schmerbauch und die dazu gehörige meterlange goldene Uhrkette und ... «
So
aber
ist
es
glücklicherweise
anders für mich gekommen:
Die Rückenmarkserkrankung
habe
ich bewältigt;
doch
dieses
Resultat
wäre
nebensächlich,
die
Art,
wie
ich
sie
durch
Yoga
loswurde,
das
ist
das
Wesentliche
für mich.
-
Ich
werde
später
schildern,
worin
die Methode,
die
ich herausgefunden
habe,
besteht,
damit
einer oder
der
andere instand
gesetzt
wird,
Nutzen daraus
zu ziehen.
Nur
deshalb
schreibe
ich
dieses
Buch.
So
manchen
wird
scheinen,
ich
wolle
damit
eine
Lanze
gegen
Religion
und
Frömmigkeit
brechen;
es
fällt
mir nicht
ein! Ohne Religion würden
die
meisten
in
einen
Abgrund
taumeln
und zusammenbrechen
wie Lahme,
denen
man
die
Krücken
wegschlägt.
Für
solche
nur, die
aufrecht
gehen
wollen,
ist
mein
Buch
geschrieben.
-
Zudem:
Yoga
ist,
wie
das
Wort
schon
sagt: Religion
=
Verbindung,
um
es
nochmals
zu
wiederholen,
aber nicht
mit
einem
Gott,
sondern
mit
etwas
sehr
»gottähnlichem«
(-
wenn
man
so
sagen
will
-):
mit
Dem,
der jeder
sein
sollte;
mit
Dem,
der
man eigentlich
ist,
ohne es,
durch
Schizophrenie
verblendet
und
verstümmelt,
zu
wissen.
-
Um den
genannten
Hatha
Yoga
Pradipika
von
Grund aus
zu
verstehen
und
zu
durchschauen,
ist
es
nötig,
die
verschiedenen
indischen
Systeme
ein
wenig
zu kennen,
die
in ihm
scheinbar
zu einer
Einheit zusammengefasst
sind.
Für
Oberflächliche
macht
das
Buch
den
Eindruck,
als
sei
der
Inhalt
von
herrschsüchtigen
Priestern
verfasst,
die durch
Versprechen
irdischer Wohlfahrt hier
und
im jenseits
das
Ansehen ihrer
Kaste
aufrecht
erhalten
wollten.
Rezepte
werden
da gegeben,
wie
man Herr
werden
könne
über die
»drei
Welten«
oder
schön
wie
Indra
und so
weiter;
sie
bestehen
in
Vorschriften,
wie
lange man
den
Atem
anzuhalten
habe
zu solchem
Zweck
(mindestens zwei
Stunden
nämlich)
und vieles
andere
scheinbar
ebenso
unmögliche.
-
Ich zweifle
keinen
Augenblick,
dass
man tatsächlich
durch
solche
Methoden
alles
das
erlangen
kann,
aber
die andern
Menschen
werden
einem
derart
zum
Apoll
oder Krösus
Gewordenen nichts
davon anmerken!
Ebenso
wenig
wie
einem
Opiumraucher
seine
schönen
Träume.
Weltflucht
also wieder,
und noch
dazu die
allerdümmste,
die da
gepredigt
und gelehrt
wird!
Liest
man Berichte
über
gewisse
von Fakiren
oder
Sansyassis
vollbrachte
okkulte
Phänomene,
wie
zum Beispiel
von
freiem
Schweben
des
Yogis
Govinda
Swami,
von dem
Jakolliot
erzählt,
so
wird man
allerdings
stutzig,
ob nicht
die Verheißungen
des
Hatha
Yoga
Pradipika
am
Ende
doch
hie
und
da
wörtlich
genommen
werden
müssten,
aber
man darf
sich
nicht
täuschen
lassen,
wenn
bisweilen
bei Hathayogis
Phänomene
auftreten,
die
das Reich
subjektiver
Wahrnehmung
überschreiten
und auch
für
Zuschauer
sichtbar
werden,
so
ist
eben der
betreffende
Fakir nichts
anderes als
ein
spiritistisches
Medium,
wie
es
Govinda
ja
selber
zugab mit
den Worten:
Ich
selber
vermag
nichts,
die
Geister
der Abgeschiedenen
sind
es,
die alles
vollbringen!
-Und dass
man medianim
werden
kann,
wenn
man ununterbrochen
die
Nasenspitze
fixiert, wie
es
die
Rezepte
vorschreiben,
ist
nicht
zu bezweifeln,
hat
doch
schon
der Engländer Dr.
Braid
nachgewiesen,
dass
durch
derartige
Blickfixierung
Autohypnose
eintritt.
Der
Fakir
Hari
Das,
von
dem
Dr.
Honigberger bekanntlich
berichtet,
er hätte
sich
monatelang
lebendig
begraben
lassen,
sagte
aus
auf die
Frage,
was er
während
Sein
Körper
unter
der
Erde
lag,
empfunden
hätte.
»Meine
Seele
ist
umhergeschweift
in
wundervollen
Gegenden.«
- Hari
Das
hat
also
ein
»Austreten«
aus
dem Körper
bewerkstelligt,
wie
es
- meiner
Meinung
nach
-
in
den
Mysterien
der
alten
Griechen gelehrt
wurde.
- Bei
den
heulenden
Derwischen
des
nahen Orients
tritt
ähnliches
ein bei
ihren
Ekstasen
(Ekstase
heißt
wörtlich:
Austritt!), obgleich
nicht
so
gründlich,
denn
sie behalten
immerhin
einen
Rest
des
Tagesbewusstseins
und
werden
nicht leichenhaft
und
unbeweglich
starr
und kalt
wie
Hari
Das:
ein gewisser Fortschritt
meines
Erachtens,
aber
noch
lange
kein Hochgrad,
denn
ein
solcher
bestünde
darin, Tages-
und metaphysisches
Bewusstsein gleichzeitig
zu besitzen,
ohne
das
eine auf
Kosten
des
andern
zu steigern.
Gewissen
arabischen
Derwischscheichs
gelänge das,
erzählte
mir
einst
ein
Freund,
der
lange
unter
Derwischen
gelebt
hat. Ich
kann
es nicht
nachprüfen.
-
Wertvolles
in dem
Sinne,
den
ich
von
jeher
im Auge
hatte
-nämlich des
Erzielens
einer
Wirkung
hier und
nicht
»drüben«
-
werden
wohl
auch sie
nicht
leisten,
sind
sie
doch
allesamt Theisten;
sie
erleben
einen
Gott
und
nicht
sich selbst!
Weltflucht
auf
dem
Umweg über
eine
Art
Schizophrenie!
-
Um ein
klares
Bewusstsein
des
Hüben
und Drüben
zugleich
zu
erlangen,
müsste
man
sich
über den Vorgang des normalen
Schlafes
erst
einmal
klar
werden,
so
sagte
ich mir,
als
ich genug
zusammengelesen hatte
über
Yoga
und
Berichte
von
Fakiren,
Yogis
und Derwischen.
Der
Schlaf,
dieses
so alltägliche
Ereignis
im
Leben aller
Wesen,
schien
mir
mit
einem
Mal
höchst
verdächtig
und
bedeutsam.
Ich
beschloss,
Experimente
zu machen.
Den
Schlaf
ein
paar
Nächte
durch
Willensanstrengung
fern
zu
halten,
führte
zu gar
nichts,
wie
ich
bald
merkte.
Überdies
gibt
es
ja
Fälle
genug in
der medizinischen
Wissenschaft,
die
beweisen,
dass
langes
Fernbleiben des
Schlafes,
hervorgebracht
durch
Verletzung
irgend
einer
Gehirnpartie,
keine
nennenswerte
Veränderung
bei
Personen
hervorbringt.
Zwei
überaus
merkwürdige
Versuche,
die mir
geglückt
sind,
brachten mich
ein
Stück
weiter
in
der
Erkenntnis,
dass
der
Schlaf
jemand
ein
»Austreten«
aus
dem
Leibe, zumindest ein
Fernwirken
ohne
körperlichen
Kontakt,
ermöglicht. |
